Ein Traum in Erdbeerfolie (Panorama)
Eine Dokumentation über die Modeszene der DDR? Geht ja wohl gar nicht! Doch! Geht! Und zwar ganz hervorragend. Selbst Menschen, die den Catwalk für eine Laufart von Katzenbesitzern halten, kommen in Marco Wilms sympathisch selbstverliebter Spurensuche auf ihre Kosten.
Denn die hier beschriebene Modewelt der DDR war echte, reine Subkutur und hatte so gar nichts mit dem staatlich geförderten Arbeiter-Freizeit-Leibchen zu tun. Kreativ, aufmüpfig und vor allem wild waren die Mode-Happenings von Heroen der 80er-Jahre-Szene in Ostberlin – Ausdruck von unbändiger Lebensfreude und Freiheitsdrang.
Die jungen Rebellen von damals sind in die Jahre gekommen. Doch Regisseur Wilms, einst selbst staatlich diplomiertes DDR-Model, besucht seine Mitstreiter von einst mit der HD-Cam, quatscht mit ihnen über die guten alten Zeiten und fragt, ob sie dieses einmalige Lebensgefühl nicht erneut herauf beschwören können.
Designerin Sabine von Oettinger, Fotograf Robert Paris und Stylist Frank Schäfer willigen ein. Und gemeinsam plant man die Ost-Block-Party nach altem Stil, wozu auch die aus Erdbeerfolie geschneiderten Kleider gehören. Die Folie allerdings, ist zunächst mal schwer aufzutreiben.
Die Beteiligten haben hier sichtlich ihren Spaß und der strahlt förmlich aus der Leinwand heraus. So kommentieren sie die Originalaufnahmen ihrer wüsten Modenschauen und haben wunderbare Anekdoten zu berichten, die das damalige Lebensgefühl erahnen lassen. Das ist nicht immer nur lustig, doch trotz manch bitterer Erfahrung mit den Staatsorganen, lässen sich die unangepassten Gemüter bis heute nicht unterkriegen.
Die einstigen Machthaber geben sich in Originalzitaten durch ihre verquasten Aussagen selbst der Lächerlichkeit preis. Und ein Ex-Stasi-Jugendbeauftragter erregt im Interview beinahe Mitleid ob seiner (damaligen?) Borniertheit.
Ein kleines, aber überaus interessantes und wichtiges Stück ostdeutscher Vergangenheit, das manchmal mit anrührender Melancholie, aber vor allem mit viel Schalk und Humor erzählt wird. Auch der scheinbar mit allen Wassern gewaschenen Wessie kann dank Marco Wilms nun für gut 80 Minuten daran teilhaben.
jp

